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Schleichende Veränderungen

2011/01/12

Schleichende Veränderungen

Ich schlage eine (deutsche) Zeitung auf und sehe ein Foto. Hm, den kenne ich doch? Ja klar: Peter Maffay. Warum habe ich den denn nicht sofort erkannt?

Ich habe das Bild analysiert. Es ist lieblos hingebatscht. P.M. steht vor einem unruhigen Hintergrund mit irgendwelchen Plakaten. Er trägt ein grob gemustertes Hemd und hat eine Sonnenbrille im Haar. Das Problem: P.M. ist genauso scharf wie der Hintergrund. Ein Digitalbildchen, aufgenommen mit einem Pressglas-Zoom, mit dem man – dank ‘Crop-Faktor’ – nicht ‘freistellen’ kann.

Ich blättere die Zeitung weiter. Es ist immer das Gleiche. Keine Person oder Objekt ist durch einen Depth of Focus – schmaler Schärfentiefe – freigestellt. Geht ja auch kaum mit den Digitknipsen mit Miniformat- Sensor.

Irgendwie ist das ein gewaltiger Rückschritt und macht keinen Spass mehr.

Als ich jünger war, gab es noch nicht die grossen Tele-Objektive. 3.5/90mm war der Standard. Dann wurden die Brennweiten länger, die Lichtstärken grösser, die Fotos in den Zeitungen und Magazinen wurden besser, weil die Objekte freigestellt werden konnten. Das war eine durchaus positive Entwicklung, verbesserte sie doch die bildliche Kommunikation. Dem Betrachter war es möglich, sofort das Wesentliche aus einem Bild herauszusehen.

Es gipfelte in den irren Modefotos, wo die Models knackscharf waren, alles andere aber total ‘out of focus’, d.h. komplett verschwommen und in die Unschärfe gelegt. Kein Wunder bei den Objektiven: 2.8/200mmm oder auch 2.8/300mm machten diesen Effekt möglich.

Und heute, fast 30 Jahre mit einer gigantischen technischen Entwicklung weiter, sehen wir wieder Bildchen, die man nicht mehr Fotos nennen kann. Lieblos wird draufgehalten und abgedrückt. Alles ist scharf, von ganz vorne bis ganz hinten. Das mag technisch ja interessant sein, aber für einen Betrachter ist es eine Qual, denn er muss das Objekt erst ‘suchen’. So wird aus einer Informations-Übermittlung eine Informations-Suche. Das strengt an, nervt und verhindert, dass man weiterliest.

Natürlich ist dieses Phänomen auch in dem Druck auf die Bildschaffenden begründet, die zu einem Event geschickt werden und dort – in einem Pulk von bis zu 100 anderen ‘Profi-Knipsern’ – das ‘beste’ Bild aufnehmen sollen, damit die Redaktion zufrieden ist.

Aus Angst vor Fehlern und somit Einkommensverlusten wird dann wild drauflos geballert, nach dem Motto: eins von den 635 Bildchen wird der Redaktion schon gefallen. Zeit ist Geld…

Weitaus sinnvoller wäre es, wenn die Profi-Knipser die gleiche Zeit, die sie für die 635 Aufnahmen verschwenden, in die Erstellung von 5 oder 10 guten Fotos investieren würden. Aber das erfordert eine Investition, die die meisten in dem knallharten Verdrängungswettbewerb nicht übrig haben, also wird mit dem zur Kamera beigelegten Suppenzoom geknipst (da hat man dann ja alles dabei…).

Mir ist natürlich vollkommen klar, dass in dieser speziellen Branche die analoge Fotografie nicht mehr tragbar wäre, denn Nachrichten sind ja mittlerweile bereits veraltet, wenn das Papier bedruckt wird, weil A. die TV-Sender und B. das Internet immer noch einen Tick schneller sind.

Aber halt, stop. Nicht nur in Zeitungen sehe ich diese Veränderungen, sondern auch in Magazinen, die langfristiger planen, d.h. wöchentlich oder sogar ‘nur’ monatlich.

Und noch etwas: Die Dokumentationen für GEO und El Pais Semanal in Spanien werden überwiegend analog fotografiert. Da macht das Anschauen der Fotos noch richtig Spass. Wenn da mal ein Digitalfoto zwischen ist, fällt (mir) das sofort unangenehm auf: zu glatt, keine Freistellung, alles wie vom Computer generiert, und es fehlt die Stimmung, die Anmutung.

Ich frage mich: warum bringen die Zeitungen und viele Magazine überhaupt noch das, was sie ‘Fotos’ nennen? Es ist alles gleich flach und ohne Bildaussage. Leider. Ebensogut könnten sie dort bunte Grafiken einbinden, der Effekt wäre identisch.

text © jens g.r. benthien

Erstveröffentlichung am 11.10.2006 bei der aphog