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Hauskauf in Spanien

2010/10/10

Weisse Wände.

Blauer Pool davor.

Dunkelblauer Himmel darüber.

Goldgelber Strand.

Türkisfarbenes Meer.

Ein paar Palmen, die sich im Wind wiegen.

Der betörende Duft der blühenden Oleander, der über all dem liegt.

— photograph © 1999-2010 by jens g.r. benthien —

Wer kann da schon widerstehen?

Eben. Hunderttausende konnten es nicht, weil es wie ein Paradies aussieht. Aus der Beschreibung geht schon ganz deutlich hervor, zu welcher Jahreszeit diese Geschichte spielt: Im Sommer, denn im Winter ist der Himmel selten dunkelblau.

Ein paar Liegen stehen dekorativ einladend auf der Terrasse neben dem Pool, der Blick schweift mehr oder weniger ungehindert Richtung Mittelmeer. Sie haben das Haus mit dem Makler angesehen, Sätze gehört wie: Ach, das wird noch repariert bevor Sie einziehen. Ach, das ist eine Kleinigkeit, das erledigt der Hausmeister heute Nachmittag. Aber die Lage und der Ausblick – ist das nicht ein Traum?

Sie denken nur noch: Ja, das ist ein Traum. Mein Traum. Unser Traum.

Sie hören den Makler: Objekte wie dieses sind nur sehr selten im Angebot. Wir haben in dieser Woche allein schon 12 Besichtigungen durchgeführt, das Interesse ist riesig.

Sie denken: Das kann ich mir vorstellen. Wir sollten wirklich handeln.

Wirklich?

Nein, lassen Sie sich Zeit. Viel Zeit. Vereinbaren Sie noch einen zweiten, dritten und vierten Termin zu unterschiedlichen Tageszeiten, fahren Sie die Umgebung morgens, mittags, nachmittags, abends und nachts ab oder gehen Sie zu Fuss durch die Urbanisation. Dann werden Sie feststellen, dass der Hausmeister verhindert war (das ist er schon seit Monaten) und die Kleinigkeit immer noch Ihre Aufmerksamkeit fordert. Sie werden feststellen, dass das Objekt immer noch nicht verkauft ist, trotz des angeblich regen Interesses. Repariert wurde auch noch nichts, im Gegenteil, heute liegt noch ein kleines Stückchen Putz vor einer Wand, das gestern noch nicht dort lag.

Vormittags hören Sie dann Baulärm aus der Nachbarschaft. Nachmittags kreischende Kinder. Abends die Party der Nachbarn (Sie wissen nur noch nicht, dass die dreimal pro Woche eine Party schmeissen). Die Musik vom Hotel ganz vorne an der Strassen-Ecke schallt unüberhörbar ins Haus. Um Mitternacht oder kurz danach beginnt ein Höllenlärm: die Müll-Container vor dem Nachbarhaus werden entleert. Um 1:00 in der frühe knattern zig Mopeds vorbei – die jungen Service-Kräfte des Hotel auf dem Weg nach Hause oder zur Frühschicht.

Wie, das hat Ihnen niemand gesagt?

Hm. Der Makler will das Objekt aus seinem Bestand loswerden und preist es in immer schöneren Farben an. Er verschweigt Ihnen allerdings, dass Spanien – nach Japan – das zweitlauteste Land der Welt ist. Und das lauteste in Europa.

Aber der Ausblick! Sie müssen sich zwar weit über die Balkonbrüstung lehnen und nach rechts schauen, um das Meer überhaupt ausmachen zu können, aber der Blick kostet halt. Lage, Lage, Lage, und wenn sie noch so absurd ist.

Wie, jetzt habe ich Ihnen eine Illusion zerstört? Ach was, das ist doch längst noch nicht alles. Das sind noch die harmloseren Attribute, die Ihnen begegnen werden.

Wie wäre es denn beispielsweise hiermit: Sie haben Ihr Haus im Sommer gekauft. Eine Heizung brauchen Sie nicht – hat der Makler gesagt. Denn: Sie sind hier im milden Mittelmeer-Klima. Und jetzt ist es im Haus saukalt und sie sehen eine Farbveränderung an der Wand. Sieht aus wie ein dezenter Wasserfleck. Oder doch nur ein Schatten? Nein, Sie können sicher sein, dass es ein Wasserfleck ist. Das Mauerwerk hat sich mit Feuchtigkeit im Herbst vollgesogen und gibt sie permanent nach innen ab. Aber, verdammt nochmal, woher soll denn die Feuchtigkeit kommen?

Des Rätsels Lösung wird Sie schockieren: von aussen, denn weit über 98% der spanischen Häuser haben zwischen Sohlplatte und Wänden keine Isolier- oder Sperrschicht. Von Fundament rede ich hier nicht, denn der maximal 40 cm in den Boden gekleisterte Beton sind kein Fundament im deutschen Sinne.

Die zweite Variante für die Ursache der feuchten Wände kann Sie treffen, wenn Sie eine Immobilie auf den Balearen gekauft haben. Die Mallorquiner hielten sich schon immer besonders schlau: da es so gut wie keine Sandgruben gibt, wurde der Sand von den Stränden genommen. Er ist auch weiss, fein und sieht super aus. Nur: er hat einen extrem hohen Salzgehalt. Salz ist stark hygroskopisch, d.h. es saugt die Feuchtigkeit gradezu an. Und wohin geht diese Feuchtigkeit? Genau: in Ihren Traum.

Die anderen Varianten will ich hier nicht weiter erläutern – Blöcke aus Kalksandstein (Mares) oder Beton (Bloques) haben eine andere, jedoch ebenso fatale Wirkung auf Ihren Traum, der sich langsam zum Albtraum entwickelt, je weiter der Winter ins Land zieht.

Doch dazu später mehr – sobald ich etwas mehr Zeit habe…

— photograph © 1999-2010 by jens g.r. benthien —

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