Archive for the ‘Analog trifft Digital’ Category

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Schöne Zeiten

2012/08/05

Gestern Nachmittag bin ich ins Grübeln gekommen. Ich hatte vom Dachboden einen alten Studioblock-Rahmen geholt, der dort mehr als 20 Jahre ‘mit dem Gesicht nach unten’ gelegen hatte, weil ich ein Foto rahmen und aufhängen wollte.

Ich nahm den Rahmen hoch, drehte ihn um, und dann kam der Zeitsprung: Ein (für mich) wunderschönes Foto offenbarte sich. Ein starkes Foto aus einer Zeit lange vor der Photoshop-Ära oder den digitalen Kameras.

Ich hatte es damals mit einer Nikon (Modell erinnere ich nicht mehr) und irgendeinem Nikon-Objektiv (erinnere ich auch nicht mehr) auf irgendeinem Negativ-Film aufgenommen (wie ich mich kenne, ein 100 ASA, wahrscheinlich Kodak oder Agfa).

Also Kleinbild. Damals bekam man noch kleine 10×15 Abzüge geliefert, wenn man den Film in der Drogerie seines Vertrauens entwickeln liess. Aufgrund dieses kleinen Abzugs muss ich dann entschieden haben, davon ein Poster im Format 70×50 cm drucken zu lassen, das ich mit einem schwarzen Passepartout (damals Mode) in dem 80×60 cm Rahmen aufgehängt hatte.

Die Wirkung des Fotos ist heute noch voller Magie für mich.

Dann kam mir der Gedanke: Oh mein Gott, was hat sich bis Heute geändert!

Vor 20 Jahren

Vor 20 Jahren haben wir mit unseren Kameras Fotos gemacht und uns darüber gefreut, Dokumentationen erstellt, Werbefotos geschossen, und waren glücklich. Was war das für ein erhebendes Gefühl, den Karton einer neuen Kamera zu öffnen, die Batterie einzulegen, die Haptik zu geniessen, ein Objektiv dranzusetzen, einen Film einzulegen und ‘draussen’ ein paar Fotos zu machen. War der Film voll, brachte man ihn ins Labor ‘um die Ecke’ und bekam ihn ein paar Stunden (oder 2 Tage später) entwickelt zurück. Professionell wurde dann das beste Foto ausgewählt und ging in die Litho, hobbymässig kämmte man die Mini-Abzüge durch und wählte ein paar Fotos für grössere Abzüge oder ab und an eins für ein Poster aus. Das wurde gerahmt und man freute sich darüber! Oder man machte Dias und tauchte in eine andere Welt ein.

Heute

Heute macht man mit seinen Kameras Tests. Man ist schon vor dem Kauf unglücklich, verbringt Stunden, Tage, Wochen mit dem Lesen von Vorab-Testberichten, Testberichten, ‘User’-Erfahrungen. Dann geht man nicht zum Händler vor Ort (die meisten sind unverfrorener Weise weggestorben), sondern bestellt ‘Online’, schön anonym. 2 Tage später – per Express auch schon am nächsten Morgen – hält die Box in der Hand. Ist absolut cool und – unglücklich. Kein erhebendes Gefühl mehr, sondern nackte Angst in den Augen und Panik im Kopf: Hat sie einen fehlerhaften Pixel? Hat sie einen Fehlfokus? Ist das AF-Modul richtig justiert? Kann sie mit einer digitalen Mittel-Format mithalten? Wie scharf sind die Fotos bei 300% auf dem Monitor? Wo war nochmal die letzte ‘Bug Liste’ im Forum? Himmel, die 20 Seiten hatte man sich doch extra ausgedruckt! Wo ist denn die verfluchte Telefonnummer vom Technischen Support, falls das Ding jetzt einen Bug hat?

Als Nächstes legt man Batterien ein und macht – nein, keine normalen Fotos, sondern Testbilder, um die einwandfreie Funktion unsere Knipsgerätes zu testen. TESTBILDER ! Wo ist der Staub auf dem Sensor, wo ist der Fokusfehler im linken Bildbereich? Die ersten Fotos macht man – im Gegensatz zu früher – nicht draussen, sondern drinnen, von einer Test-Tafel oder einem Siemens-Stern, um wirklich ganz sicher zu gehen, dass man kein Montagsmodell untergeschoben bekommen hat. Man ist auch nicht Stolz auf die neue Kamera, Stolz hat man nicht mehr. Heute ‘ist man WER’, wenn man mit dem Modell ‘DX900e’ oder ’1DS Mk IV’ (klingt für mich wie früher die Werbung für Vogelfutter mit ‘Jod-S-11-Körnchen’, weil den dummen Werbern nichts Besseres einfiel!) auf der Strasse gesehen wird. Trendgerechtes Motto: Fette Vollformat gibt Status und ‘Gesicht’. Macht einen zum ‘Profi’ (was immer das sein mag).

Irgendwann werden dann mal ‘echte’ Bilder mit dem sauteuren Ding gemacht. Natürlich im obergeilen Roh-Format, man will ja alles rausholen für das Geld. Dann ab an den Rechner, neue Updates gekauft und installiert (die alte Version kann die Rohdaten nicht mehr konvertieren) und festgestellt, dass morgen ein neuer Rechner her muss, weil der ‘alte’ aufgrund der grösseren Datenmengen zu langsam geworden ist.

Dann werden – für ein Foto – ca. 30 Minuten lang Regler gedreht und verschoben, Ebenen angelegt, Bereiche aufgehellt, abgedunkelt, ein neuer Himmel eingezogen, die Ebenen miteinander verrechnet, das grosse Bild dann auf Zigarettenschachtelgrösse mit Artefakten verkleinert und schnellstmöglich im Forum gezeigt. Nach dem Upload liest man zufällig den neuesten Beitrag: Datenverlust wegen schwächelnder Speicherkarten. Oh Gott, nein, hat meine das auch? Also wieder Testen, und – oh böse Welt – die eigene Speicherkarte hat den gleichen Defekt. NEIN! Das ist nicht die Speicherkarte, das ist doch die Firmware! Ich verliere meine Bilder! ANGST. PANIK. FRUST. VERZWEIFLUNG. Sofort ein neues Thema im Forum aufmachen! Mail an den Hersteller! Freunde in Facebook vor dem neuen Modell warnen! Die geile, virtuelle Welt aufmischen!

Und überhaupt: der Konverter Rappapappapui ist ja tausendmal besser, weil er ein menschliches Haar in einer Grösse von einem Nano-Millimeter oder ¼ Pixel noch viel besser herausarbeitet als der Standardkonverter der ‘Industriestandard-Software’. Muss man doch sofort Testen, denn die Angst lässt einen nicht los, dass man aus der vielen versenkten Kohle nicht doch noch viel mehr rausholen könnte. KÖNNTE! Ach ja, wäre da nicht noch – richtig! – das leidige Nachschärfen. Das können nur Könner, die finden da Tricks um aus ⅛ Pixel noch das Optimum herauszuquetschen, ohne das Bokeh zu erschlagen. Und das Alles nur, um fast beinahe gar nicht auf gleicher Augenhöhe zu sein wie eine Quasselblatt mit 40 megamässigen Pickeln.

Bis dann das erste reale Bild das Licht der Welt erblickt, können schon mal 6 Monate ins Land gehen, denn schliesslich sind 800 Seiten Handbuch nicht mal eben nebenbei durchgelesen. Und immer wieder der Diabolo im Hinterkopf: Ach, das brauche ich doch nicht, nächstes Kapitel. Oder, nein, halt mal, da hat doch neulich jemand im Forum geschrieben, wofür die Funktion wichtig ist! Wo war die nochmal? Nach 20 Minuten Hangeln durch das Menü hat man sie gefunden, die Funktion, und stellt fest, dass sie doch nicht so richtig der Brüller ist, den man sich erhofft hat.

Oder es erblickt überhaupt kein reales Bild das Licht der Welt, weil man zu sehr damit beschäftigt ist, die 300%-Ansichten zu vergleichen und nach Fehlern zu suchen.

Da piept der Rechner – eine Mail ist angekommen über ein neues Thema im Forum. Die alten Objektive reichen für die neue Kamera nicht mehr aus! ANGST. PANIK. FRUST. Sofort lesen. Oh Mann, tatsächlich, schon 32 Antworten, dass die Beugungsunschärfe schon bei grossen Blenden-Öffnungen gnadenlos zuschlägt. Auch das noch!

Was schreibt der da? Das Nachfolgemodell mit vielen verbesserten Funktionen und nochmals 12 Megapixel mehr soll schon in 2 Monaten auf der Photokina vorgestellt werden? Digi-Rumours hat schon den ersten Vorab-Test veröffentlicht. Oh Gott, nein, die muss ich haben, die ist ja viel besser als meine…

Somit bleibt man in der ewigen Schleife von Tests, Bugs, Angst, Panik, Frust, Unzufriedenheit, Neid, Statusverlust, etc.

OK, ich will ja nicht verschweigen, dass es in der realen Welt viele Enthusiasten gibt, die einfach gute Fotos machen. Sie alle müssen jedoch ebenfalls ihren Rechner einschalten, teure Software und Updates kaufen, damit überhaupt ein paar Fotos wie Fotos aussehen.

Tja, früher hat die Fotografie wirklich mehr Spass gemacht… Ich bin froh, dass ich heute noch meine Präzisionskameras und Filme habe, denn ich fotografiere lieber als dass ich mich durch endlose Menus quäle.

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Analoge Fotografie versus Knipsbits

2012/01/27

Zwei Artikel, zwei Sichtweisen:

http://www.sueddeutsche.de/kultur/nachruf-auf-die-analoge-fotografie-i-so-suess-das-gift-der-analogen-bilder-1.430624

http://www.sueddeutsche.de/kultur/nachruf-auf-die-analoge-fotografie-ii-jeder-mensch-ist-ein-knipser-1.432801

Bilder & Texte curtesy of http://www.sueddeutsche.de

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Melancholie

2011/04/04

– photograph copyright © 1999-2011 by jens g.r. benthien –

Es ist jetzt ein paar Monate her, da ging ich durch einen herbstlich verfärbten Park, um ein paar Aufnahmen zu machen. Die Sonne schien, blauer Himmel, es war schon etwas frisch. Parks sind etwas herrliches, vor allem die Ruhe dort fasziniert mich immer wieder, ebenso wie die Seen und die sich darin spiegelnden Objekte.

In einer sehr schattigen Ecke entdeckte ich eine Mauer mit alten Steinplatten, in die die Namen der Initiatoren und Spender dieses Parks sowie die Geschichte in Kurzform gemeisselt waren.

– photograph copyright © 1999-2011 by jens g.r. benthien –

Inschrift Mitte:

Bremens Bürgerpark
ward am 23. Juni 1866 begonnen von
Bremischen Bürgern
Für Herr und Gesind,
Mann Weib und Kind
Zu Nutz und Freud’
auf alle Zeit.

Inschrift Links:

Die Sage erzählt
Im Jahre 1032 hat den Bremern die Bürgerweide geschenkt
Gräfin Emma von Lesum

Inschrift Rechts:

Die Geschichte lehrt
Im Jahre 1155
hat den Bremern den Besitz der Weide bestätigt
Erzbischof Hartwig I von Bremen

Ich wechselte das 50er gegen das 28er aus und machte ein paar Aufnahmen – ohne Stativ, weil ich einfach entspannt war. Ich wollte mich grade umdrehen und die Kamera in der Tasche verstauen, da sah ich den alten Mann neben mir stehen. Er hatte mich beobachtet und gewartet. Jetzt sprach er mich an. “Entschuldigen Sie bitte, aber was für eine Kamera haben Sie da?” Oh ja, die Frage höre ich häufiger, denn die Contax G2 mit dem externen Sucher für das 21mm Objektiv fällt wirklich auf.

“Das ist eine Contax G2.”

“Oh wie schön, noch eine richtige Kamera! Wissen Sie” – und jetzt zog er eine kleine Digitalkamera aus seiner Manteltasche – “ich habe seit einem Jahr diese Kamera. Meine alte mit Film hatte ich verkauft, besser gesagt in Zahlung gegeben, weil mir der Verkäufer zu dieser geraten hat. Sie sollte mehr können als meine alte.”

“Sie glauben gar nicht, wie sehr ich meiner alten Kamera nachtrauere. Damit habe ich so schöne Fotos gemacht, nie Probleme gehabt, brauchte mich nicht mit einem Computer zu ärgern. Einfach den Film zur Drogerie gebracht, und ein paar Tage später hatte ich meine Fotos, die ich sofort jedem zeigen konnte. Meinen Kindern habe ich einfach ein paar Fotos in den Briefumschlag gesteckt, um ihnen eine Freude zu machen.”

– photograph copyright © 1999-2011 by jens g.r. benthien –

Er stand mit traurigen Augen da. Ich hatte das Gefühl, seine Geschichte würde in meinem Kopf ablaufen. Die Unbeschwertheit, die Freude – ich konnte es ihm wirklich nachfühlen.

“Jetzt muss ich die Datenkarte rausnehmen und in so ein Gerät stecken, mit dem ich nicht klar komme, und dann die Fotos auswählen, einen Verkäufer holen, der nur schwer zu finden ist…”

Er machte eine Pause, als ob ihm die Schwere der Prozedur die Schultern nach unten ziehen würde.

“Meine Drogerie um die Ecke gibt es nicht mehr. Das Fotogeschäft auch nicht. Jetzt muss ich jedes mal zu dem Einkaufszentrum fahren, nur um Bilder zu bekommen.”

Seine Schultern sackten noch weiter herunter.

“Meine Kinder haben mir einen Computer hingestellt, damit sie mir Fotos schicken und ich im Internet gucken kann. Das Internet brauche ich nicht, da ist nichts drin, was für mich interessant ist. Und wenn mir meine Kinder Fotos schicken, habe ich jedes Mal Probleme, sie aus der Post zu bekommen um sie auszudrucken. Das ist alles so umständlich.”

Seine Augen wanderten über den See, als wolle er den Moment, das Licht, die Spiegelungen einfangen. Seine Digitalkamera war schon längst wieder in der Manteltasche. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, ich wusste nur, dass ich ihn einfach erstmal reden lassen sollte. Nach einiger Zeit sagte er:

“Die Zeiten haben sich geändert, aber warum werden wir gezwungen, die Änderungen mit zu machen, obwohl sie uns nicht gut tun?”

Jetzt musste ich was sagen. “Haben Sie denn noch Ihre alten Fotos?”

“Ja, natürlich. Alle in Alben, die Negative in Kartons. Und einige ganz alte Schwarzweiss lose in Kartons, von ganz früher.” Seine Augen leuchteten wieder.

Das war es. Die ‘alten’ Fotos waren und sind sein Leben! Sein Leben war einfach und unkompliziert, bis ihn die ‘digitale Revolution’ überrollte. Beiseite stiess, weil für ihn kein Platz mehr im Leben auf der Überholspur war.

– photograph copyright © 1999-2011 by jens g.r. benthien –

Ich sagte: “Wissen Sie, ich bin Fotograf, der immer noch mit Film arbeitet. Ausschliesslich. Weil Film immer noch besser ist als dieser ganze Digitalkram. Aber ich weiss wirklich nicht, was ich Ihnen raten könnte, um Ihnen den Spass an der Fotografie zurück zu geben.”

Er sah mich aufmerksam an, richtete sich langsam wieder auf.

“Haben Sie denn einen modernen Drogeriemarkt in Ihrer Nähe?”

“Ja, bei uns ist ein **** um die Ecke.”

“Na bitte, dann gibt es für Sie eine Lösung. Ich weiss, dass die Filme entwickeln und Abzüge machen – wie früher!”

Er sah mir ruhig in die Augen, zweifelte aber noch.

“Aber meine gute Kamera habe ich nicht mehr! Die ist doch weg!”

“Dann holen Sie sich eine neue. Gehen Sie mal über den Flohmarkt, oder bitten Sie Ihre Kinder, Ihnen möglichst das gleiche Modell im Internet bei ebay zu besorgen. Die ‘alten’ – ich machte die Geste für die Anführungszeichen mit den Fingern – Kameras werden jetzt so günstig angeboten, dass das kein Problem sein sollte. Millionen Menschen fallen auf die neue Technik herein und verscherbeln ihre wertvollen Kameras, die ihnen in den Jahren ans Herz gewachsen sind.”

Er sah mich fragend an. Ich erklärte ihm die Situation. Und natürlich auch, dass es immer noch jede Menge Filme gibt, in Schwarzweiss und Farbe, und natürlich Diafilme. Sie würden alle bei dem Drogeriemarkt entwickelt.

So langsam kam wieder Leben in ihm auf. Seine Schultern hingen nicht mehr, sein Gesicht hatte wieder Spannung.

“Wissen Sie was, junger Mann (ich und jung mit 55!), Sie haben mir wirklich sehr geholfen. Ich bin Ihnen wirklich dankbar für diese Unterhaltung und die Tips, die Sie mir gegeben haben. Ich werde gleich übermorgen, wenn ich wieder zuhause bin (er lebte eine Tagesreise weit weg von diesem Ort), auf die Suche gehen, die Flohmärkte durchstöbern und meine Kinder bitten, mir wieder eine Kamera zu besorgen!”

“Oh, das freut mich, dass ich Ihnen helfen konnte. Wäre doch gelacht, wenn wir uns unser eigenes Leben von einer skrupellosen Industrie und noch skrupelloseren Verkäufern diktieren lassen müssen.”

Er lachte. “Ich habe mich ein Jahr geärgert, und jetzt geht es mir wieder richtig gut!”

Wir gingen noch einen Teil des Weges gemeinsam, plauderten über die absurden Entwicklungen der letzten zwei Dekaden, und dann trennten sich unsere Wege. Er winkte mir noch mehrmals hinterher, bevor die Wege des Parks uns verschluckt hatten.

Text © 1999-2011 by jens g.r. benthien

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Ohne Monitor geht das doch nicht?!

2011/01/12

— Teil I —

Letzte Woche Donnerstag. Das Telefon klingelt.

‘Sie machen Nachtfotos!?’

‘Ja, einen Teil können Sie unter http://… ansehen.’

‘Habe ich schon. Wurde mir von einem Bekannten empfohlen. Können Sie auch Innenräume mit Stimmung aufnehmen?’

‘Denke schon. Was für Innenräume?’

‘Fast so gross wie eine Kathedrale.’ (Du lieber Himmel, dass die Leute immer so übertreiben müssen.)

‘Aha. Ja, kein Thema.’

‘Wie lange brauchen Sie?’

‘Ungefähr eine Stunde und Zugang zu allen Bereichen.’

‘Das schaffen Sie nicht, wenn Sie die Blitze aufbauen müssen.’

‘Ich brauche keine Blitze.’

‘Wieso nicht?’

‘Weil die die Stimmung erschlagen.’

‘Hm, gut. Wieviel Aufnahmen machen Sie denn pro Szene/Motiv?’

‘Eine.’

‘EINE ???’

‘Ja, eine.’

‘Ich würde dabei sein und die Aufnahmen kontrollieren.’

‘Das geht nicht.’

‘Warum nicht?’

‘Ich arbeite mit Film.’

‘Und wie machen Sie das dann?’

‘Wie immer in den letzten 30 Jahren – ich fotografiere.’

‘Nein, ich meine wie Sie das so hinbekommen.’

‘Betriebsgeheimnis und über 30 Jahre Erfahrung.’

‘Bitte?’

‘Ja, genau so.’

‘Und wenn es daneben geht?’

‘Geht es nicht, weil ich weiss, was ich mache.’

‘Aber Sie können das doch garnicht wissen ohne Monitor!’ (Ich stellte grade mir das erbärmliche Rauschen auf dem Monitor vor…)

‘Doch, sagte ich bereits. Erfahrung und Beherrschung des Werkzeugs.’

‘Sie hätte keine Chance, die Aufnahmen zu wiederholen!’

‘Ist klar, hatte ich noch nie.’

‘Und was kostet dann ein Foto?’

‘x Euro.’

‘Sie sind ja verrückt!’

‘Aber gut, ich weiss.’

‘Bisher hat das noch niemand geschafft!’

‘Dann werde ich das ändern.’

‘Sind Sie augebildeter Fotograf?’ (Ich spüre förmlich, wie die Räder in seinem Kopf arbeiten)

‘Ja. Und ID. Blah, blah, blah.’

‘Kann ich mal vorbeikommen?’

‘Gerne, aber bitte kurz vorher anrufen.’

Teil II

Heute Vormittag.

Er kommt angerauscht. Allein. Sieht sich um. Kein Firmenschild, kein Fotostudio, keine Kameras weit und breit. Ich sehe seine Räder im Kopf schon wieder arbeiten und zeige ihm dann ein paar Ausbelichtungen von Aufnahmen aus Innenräumen. Er meinte, das sei HDRI oder DRI, aber dann habe ich eins der Negative in den Scanner gezogen und digitalisiert. Einen Tick an den Kurven gezupft und fertig war das Foto.

Er sieht abwechselnd ungläubig auf den Monitor und das Papierbild und sagt nur: ‘Das gibt es doch garnicht. Woher wissen Sie, wie sie die Belichtung einstellen müssen, damit man alles sieht?’

‘Erfahrung. Picasso brauchte auch nicht zu überlegen, wie er einen Strich in einer ganz bestimmten Art zieht.’

Dann sieht er ein paar Fotos von Hotels auf dem Tisch nebenan liegen.

‘Womit haben Sie die denn gemacht?’

Ich gehe zum Schrank und hole die Rollei 35s raus. ‘Mit der hier.’

Erst färbt sich sein Hals violett, dann sein Kopf langsam rot. Ich glaube, er wollte mich fragen, ob ich ihn verarschen wolle. Hat er sich dann aber anders überlegt, die Röte lief wieder den Hals runter und verschwand. Dann sieht er mich lange aus dem Augenwinkel an. Schliesslich sagte er

‘Eindrucksvoll. Aber Sie haben doch noch andere Kameras, oder?’ (Da schwang ein leichter Unterton einer Drohung mit.)

‘Klar, habe ich.’ Ich gehe wieder zum Schrank, hole die Minox 35 GT raus und klappe sie auf – jetzt will ich ihn wirklich etwas auf den Arm nehmen.

‘Die hier.’

Die Farbe seines Kopfes ändert sich schlagartig in ein sattes Rot.

‘Hören Sie mal, ich…’ Ich bin aber schon abgetaucht bevor der Vulkan Asche speien kann und hole meine Nikon aus der Tasche. ‘Und die hier, und die hier.’ Er sieht die F4s mit dem dicken Hinterteil und jubiliert, der Rot-Ton verblasst wieder, ein überbreites Grinsen ziert sein Gesicht.

‘Also doch eine Digitalkamera!’

‘Nein, das ist kein Monitor hinten dran, das ist nur ein Databack zur Fernsteuerung, Freeze Focus und Einbelichtung der Daten auf dem Filmsteg.’

Schweigen. Grübeln. Heftige innere Kämpfe werden ausgetragen.

‘Also gut, am xx. November 10:00 in YYY. Sie machen das schon. Aber der Preis…’

‘…ist nicht diskutabel. Entweder so oder ich amüsiere mich anderweitig.’

— Teil III —

Schauen wir mal. Ich mache das schon. Mit Film, weil ich das Medium beherrsche und nichts anderes habe. Ich hoffe jetzt nur, dass das kein fensterloser Raum ist, der nur von einer 20 W Birne beleuchtet wird. Im schlimmsten Fall bekommt er halt seine Anzahlung komplett zurück.

Fotografie kann verdammt schweisstreibend sein, und analoge Fotografie im digitalen Zeitalter ganz besonders… Aber nur bis zur Aufnahme, danach ist alles wieder ganz normal. So langsam beginne ich zu verstehen, warum viele Fotografen auf Digicams umsteigen: sie ersparen sich damit langwierige Diskussionen und Rechtfertigungen.

Für mich ein schönes Beispiel dafür, wie sehr der Marketing-Hype das Bewusstsein der Menschen verändert hat.

Aber auch wenn ich Fotos mit einem Sensor machen würde: ich würde den Monitor abschalten. Warum? Ganz einfach: Wenn ein Kunde nur einen fähigen Operator sucht, soll er sich eine Digicam kaufen und selber knipsen, denn nichts ist schlimmer als ein Kunde oder Art Director, der meint anhand einer Abbildung auf etwas weniger Fläche als einer Zigarettenschachtel ein Bild beurteilen zu können. Das hatte ich früher schon mit Grossformat erlebt. Da standen die dann 3 Meter neben der Kamera und gaben Anweisungen, weil sie glaubten zu wissen, was ich auf der Mattscheibe sehe, und weil sie glaubten, anhand der Polas die Farben beurteilen zu können. Die Welt steckt halt voll mit Irrtümern… Daran hat sich die letzten 20 Jahre nicht viel geändert.

Ich möchte nur mal wissen, warum man als Analogfotograf von vornherein disqualifiziert wird. Ich kenne jemanden, der schon seit einer Ewigkeit für ein britisches Magazin fotografiert. 50% Aussenaufnahmen von Villen, 50% Innenaufnahmen extrem dekorierter Räume. Er arbeitet mit einer alten Hasselblad, einem WW und einem Normalobjektiv, einem Stativ und **ohne** Belichtungsmesser. Baut die Kamera auf, drückt den Auslöser und zählt laut vor sich hin: 21, 22, 23, Klack… Diafilm ! Er hat – wie mein Mentor damals und ich heute – das Licht ‘im Griff und im Kopf’. Bei dem ganzen Digitalhype wundert es mich, dass er noch seinen Job hat. Es muss ganz offensichtlich mehr geben als nur Pixel…

text © jens g.r. benthien

Erstveröffentlichung 30.10.2006 bei der aphog

 

 

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Schleichende Veränderungen

2011/01/12

Schleichende Veränderungen

Ich schlage eine (deutsche) Zeitung auf und sehe ein Foto. Hm, den kenne ich doch? Ja klar: Peter Maffay. Warum habe ich den denn nicht sofort erkannt?

Ich habe das Bild analysiert. Es ist lieblos hingebatscht. P.M. steht vor einem unruhigen Hintergrund mit irgendwelchen Plakaten. Er trägt ein grob gemustertes Hemd und hat eine Sonnenbrille im Haar. Das Problem: P.M. ist genauso scharf wie der Hintergrund. Ein Digitalbildchen, aufgenommen mit einem Pressglas-Zoom, mit dem man – dank ‘Crop-Faktor’ – nicht ‘freistellen’ kann.

Ich blättere die Zeitung weiter. Es ist immer das Gleiche. Keine Person oder Objekt ist durch einen Depth of Focus – schmaler Schärfentiefe – freigestellt. Geht ja auch kaum mit den Digitknipsen mit Miniformat- Sensor.

Irgendwie ist das ein gewaltiger Rückschritt und macht keinen Spass mehr.

Als ich jünger war, gab es noch nicht die grossen Tele-Objektive. 3.5/90mm war der Standard. Dann wurden die Brennweiten länger, die Lichtstärken grösser, die Fotos in den Zeitungen und Magazinen wurden besser, weil die Objekte freigestellt werden konnten. Das war eine durchaus positive Entwicklung, verbesserte sie doch die bildliche Kommunikation. Dem Betrachter war es möglich, sofort das Wesentliche aus einem Bild herauszusehen.

Es gipfelte in den irren Modefotos, wo die Models knackscharf waren, alles andere aber total ‘out of focus’, d.h. komplett verschwommen und in die Unschärfe gelegt. Kein Wunder bei den Objektiven: 2.8/200mmm oder auch 2.8/300mm machten diesen Effekt möglich.

Und heute, fast 30 Jahre mit einer gigantischen technischen Entwicklung weiter, sehen wir wieder Bildchen, die man nicht mehr Fotos nennen kann. Lieblos wird draufgehalten und abgedrückt. Alles ist scharf, von ganz vorne bis ganz hinten. Das mag technisch ja interessant sein, aber für einen Betrachter ist es eine Qual, denn er muss das Objekt erst ‘suchen’. So wird aus einer Informations-Übermittlung eine Informations-Suche. Das strengt an, nervt und verhindert, dass man weiterliest.

Natürlich ist dieses Phänomen auch in dem Druck auf die Bildschaffenden begründet, die zu einem Event geschickt werden und dort – in einem Pulk von bis zu 100 anderen ‘Profi-Knipsern’ – das ‘beste’ Bild aufnehmen sollen, damit die Redaktion zufrieden ist.

Aus Angst vor Fehlern und somit Einkommensverlusten wird dann wild drauflos geballert, nach dem Motto: eins von den 635 Bildchen wird der Redaktion schon gefallen. Zeit ist Geld…

Weitaus sinnvoller wäre es, wenn die Profi-Knipser die gleiche Zeit, die sie für die 635 Aufnahmen verschwenden, in die Erstellung von 5 oder 10 guten Fotos investieren würden. Aber das erfordert eine Investition, die die meisten in dem knallharten Verdrängungswettbewerb nicht übrig haben, also wird mit dem zur Kamera beigelegten Suppenzoom geknipst (da hat man dann ja alles dabei…).

Mir ist natürlich vollkommen klar, dass in dieser speziellen Branche die analoge Fotografie nicht mehr tragbar wäre, denn Nachrichten sind ja mittlerweile bereits veraltet, wenn das Papier bedruckt wird, weil A. die TV-Sender und B. das Internet immer noch einen Tick schneller sind.

Aber halt, stop. Nicht nur in Zeitungen sehe ich diese Veränderungen, sondern auch in Magazinen, die langfristiger planen, d.h. wöchentlich oder sogar ‘nur’ monatlich.

Und noch etwas: Die Dokumentationen für GEO und El Pais Semanal in Spanien werden überwiegend analog fotografiert. Da macht das Anschauen der Fotos noch richtig Spass. Wenn da mal ein Digitalfoto zwischen ist, fällt (mir) das sofort unangenehm auf: zu glatt, keine Freistellung, alles wie vom Computer generiert, und es fehlt die Stimmung, die Anmutung.

Ich frage mich: warum bringen die Zeitungen und viele Magazine überhaupt noch das, was sie ‘Fotos’ nennen? Es ist alles gleich flach und ohne Bildaussage. Leider. Ebensogut könnten sie dort bunte Grafiken einbinden, der Effekt wäre identisch.

text © jens g.r. benthien

Erstveröffentlichung am 11.10.2006 bei der aphog

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Aha-Erlebnis

2011/01/12

Heute morgen, kurz nach dem Frühstück.

Hallo, jemand zu Haus? (Hier gibt es keine Klingel, jeder läuft einfach durch den Garten). Ah, Juan, ein Bekannter von mir.

Er: Habe gehört Du hast tolle Fotos gemacht?

Ich: Was meinst Du?

Er: Du warst mit so einer kleinen Kamera unterwegs… neu?

Ich: Ach, Du meinst die Minox?

Er: Keine Ahnung, habe ich nur gehört. (In Spanien ist die Welt manchmal verdammt klein)

Ich habe ihm die Fotos gezeigt. Juan ist ein absoluter Digitalo, aber normal geblieben dabei (weil er die deutsche ‘foto community’ logischerweise nicht kennt ). Er hat nie etwas Anderes kennengelernt. Juan war total aus dem Häuschen.

Er: Was ist das denn für eine Kamera?

Dann habe ich ihm die Minox 35 GT gezeigt. Juan hat riesige Augen bekommen, als ich ihm das kleine Ding gegeben habe. Hat auf den orangen Auslöser gedrückt, wahrscheinlich in der Erwartung, dass dann ein Objektiv ausfahren würde. Aber nichts passierte…

Er: Wo ist denn das Objektiv? Deckel auf, Schnapp, Kamera komplett.

Er: Wow. Fasst vorsichtig das Objektiv an, wackelt ein wenig, aber nichts bewegt sich.

Er: Welche Speicherkarte hast Du da drin?

Ich: Keine. Film.

Er: Noooo, da passt doch kein Film rein!

Ich: Doch!

Bedienungsanleitung rausgesucht. Juan kam aus dem Staunen nicht mehr raus.

Er: Und die macht solche tollen Bilder?

Ich: Nein, die macht solche tollen Fotos!

Er: Was für Programme sind da drin?

Ich: Zeitautomatik. Sonst nichts.

Schweigen. Er dreht die Minox in seinen Händen. Ich sehe, wie sich die Räder in seinem Kopf drehen.

Er: Und wie funktioniert die?

Da habe ich ihm das kurz erklärt – ist ja auch nicht viel zu erklären. Er dreht an Blende und Entfernungsring, sieht durch den Sucher, tanzt damit auf der Terrasse rum.

Er: Du, die ist ja richtig gut. Und so einfach. Meine Kamera ist so kompliziert! Die meisten Einstellungen brauche ich nicht, die kenne ich nicht einmal! Und ich muss immer warten, bis sie scharf gestellt hat, sonst löst sie nicht aus!

Dann haben wir über 2 riesigen Kübeln Kaffee geklönt. Meinen Filmscanner kannte er noch nicht. Ich habe ihm alles gezeigt, wie der komplette Ablauf ist. Kein Photoshop, keine RAW- Software, kein ‘Hochrechnen’. Keine plug-ins für Korrektur der Barrel-Distortion, keine NoiseWare, nichts. Einfach nur Fotos. Juan war ‘hin und weg’.

Irgendwann sagte er: Und ich dachte, Fotografie wäre immer kompliziert und zeitaufwendig.

Ich glaube zwar nicht, dass Juan sich jetzt eine Analog-Kamera anschafft, aber für mich war das ein Aha-Erlebnis: Man braucht eigentlich nur sehr wenig Technik mit hochwertigen Komponenten für gute Fotos. Das, was den Menschen als digitaler Fortschritt und Vereinfachung des Lebens verkauft wird, ist in Wirklichkeit furchtbar kompliziert. Ohne 100-seitiges Handbuch läuft da kaum etwas. Wie früher bei den Videorecordern, die kaum jemand bedienen konnte… Wer keine Zeit mit dem Studium von Programmoptionen vergeuden will, fotografiert mit Film.

Die Neuigkeiten der nächsten CES in Las Vegas oder der nächsten Photokina in Köln werde ich mit Sicherheit überleben.

Nachtrag: Immerhin hat die kleine Minox das, was sich viele Digitalkamera-Besitzer wünschen: 35mm Vollformat – 24×36 mm Mediengrösse.

text © jens g.r. benthien

Erstveröffentlichung 26.09.2006 bei der aphog

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Pfhlong !

2011/01/04

Ein fast herrlicher Tag heute. Die Sonne scheint schon wieder, aber es ist viel Dunst in der Luft, der Himmel nicht so blau wie sonst. Die Decke fällt mir auf den Kopf, ich muss und will raus an die Luft. Aber wohin? An die Küste? Bloss nicht, da war ich gestern, da toben schon so viele Spanier in Erwartung der Osterfeiertage rum um sich die letzten Unterkünfte für die Feiertage zu sichern. In die Sierra ins Ski-Gebiet? Nein danke, ich will vom Winter nichts mehr wissen.

Aber da gibt es doch noch – richtig. Google zeigt mir den wunderschönen, türkisfarbenen Stausee inmitten der Olivenplantagen in den Bergen. Menschenleer. Dorthin verirren sich höchstens im Sommer mal ein paar Touris wenn die Navi mal wieder versagt hat. Das ist laut Datenkrake Tante Google auch nur 30 Minuten weg von mir. Also Zwiebel-Look anziehen, und los. Zu dumm, dass ich der zum Kameraschrank zuckenden Hand nicht widerstehen konnte, aber sei es drum, jetzt sind die beiden 6×9 Fujis in der Tasche vor dem Beifahrersitz.

Es ist eine traumhafte Fahrt durch die Olivenplantagen und Wälder. Heizung an, Fenster offen, der schnellste Trecker der Welt dieselt ruhig durch die Landschaft. Etliche Autos überholen mich weil ich schaltfaul bin. Ich fahre schliesslich einen Landcruiser (=Landfahrer) und keinen Ferrari. Und ich heisse auch nicht Vettel, aber der landet ja auch nur noch im Kiesbett, oder? Nach 45 Minuten – Google kann die Höchstgeschwindigkeit meiner rollenden Verkehrsinsel nicht kennen – komme ich über den Pass und der Stausee liegt vor mir. Erst ein Teil, ein Arm, dann wird er immer breiter. Zu dumm – er ist nicht türkisgrün wie sonst. Schade. Kann am Sonnenstand liegen oder am Sand, der aus den Bergen in den See gespült wurde.

Je näher ich dem See komme, desto deutlicher wird dass er übervoll ist. Bis zum Rand. Oberkante Unterlippe. Kein Strand mehr zu sehen, das Wasser reicht bis an die Wälder und Felder. Wahnsinn. Und da sage noch einer Südspanien wäre zu trocken und hätte unter Wassermangel zu leiden. Von wegen Klimawandel. So viel hat es seit 27 Jahren nicht mehr geregnet!

Unten im Dörfchen stehen zwei Busse und zahlreiche Motorräder. Das gab es noch nie. Die einzige geöffnete Bar ist heute – sehr ungewöhnlich – rappeldicke voll. Ich suche mir kurz vor dem Staudamm einen Parkplatz in einer Seitengasse, schnappe mir die Kameratasche und ziehe los.

Gehe bis zur Mitte der Staumauer, wo eine kleine Plattform über die Aussenseite hängt. Geniesse die Aussicht in den Canyon unter mir, höre die Generatoren brummen. Hole meinen Sekonic aus der Tasche und fange an zu messen. Sehe nach rechts und – oh nein, bitte nicht – da sind Teutonen im Anmarsch!

Woher ich weiss dass es Teutonen sind? Ganz einfach: Er ist der Freizeit-Typ mit Outdoor-Sandalen für die überschallschnelle und luftgekühlte Fortbewegung, grauen Socken bis zur Wadenmitte, Freizeithose in tarnfarbengrün bis zum Knie mit mindestens 128 aufgesetzten Taschen und Täschchen, Bändchen und Kordeln mit Feststellern im professionellen Foto-Safari-Look (Hatari lässt grüssen!), darüber ein T-Shirt mit dem Aufdruck ‘TORROX’ (das ist ein absolut grausamer und hässlicher Touri-Ort an der Küste, fest in deutscher Hand, in dem ich nicht als Leiche über dem Zaun hängen möchte). Das T-Shirt hat er garantiert von der überall an der Küste gegenwärtigen Bimbo-Mafia gekauft und den Preis heftig runtergehandelt. Dieses T-Shirt überspannt den Bauch, der immer 20 Sekunden früher am Ziel ist als der Rest der Figur, und darüber hängt ein Plastik-Dödel der grösstmöglichen Art an einem Riemen um den Bereich, der bei normalen Menschen als Hals bezeichnet wird. Sie daneben eher bieder, farblos wie aus einem Film der 60er Jahre, unauffällig. Eher das Modell Indoor. Aber mit einer diktatorischen Handtasche. So ein leicht trapezoides Modell ohne Seitentaschen, glatt und steif. Die steht von allein. Und wo die steht ist klar wer das Orchester dirigiert. Das soll jetzt nicht heissen dass ‘er’ mehr Farbe am Körper hatte. Aber auf alle Fälle weniger zu sagen!

Ich denke nur: Och nee, bitte nicht, der hat mir heute noch gefehlt. Sensorgrösse halbe Briefmarke und ein Hyperzoom von 1µ bis 2 KM. Im Weitwinkel-Modus kann er seine Hose garantiert von vorne sehen, im Tele-Modus von hinten (einmal um den Globus), wetten?

Boah ey. Und darüber fett ‘SOCANIKON’. Mir gehen die Nackenhaare hoch. Nein, nicht weil ich etwas gegen SOCANIKON hätte, ich habe ja selber eine F4s aus solidem Metall, aber seit die Japaner keine alten Fregatten aus dem zweiten Weltkrieg mehr einschmelzen konnten, hatten sie in den 90ern auf recycelte Joghurtbecher teutonischer Provenienz umgestellt und später dann kleine Sensorschnipselchen an der Stelle eingebaut, wo früher mal echter Film war.

Also, seine DehEsElÄrr ist weich auf seinem Oberbauch gebettet. Nebenbei bemerkt ist das die denkbar schlechteste Art eine Kamera zu bewegen, denn wenn man läuft, pendelt das Elektronik-Geschoss extrem hin- und her, und sollte man über eine Mauer oder von einem Felsen springen, verharrt das Giganto-Hyperzoom einen kurzen Trägheitsmoment in der Luft, wartet bis die Kau-Leiste auf gleicher Höhe angekommen ist und haut dann die Schneidezähne im Viererpack raus!

Aber Menschen wie der laufen ja nicht. Nicht mehr nach den mindestens 3 Jahren Super-Frührentner-Dasein, vollgestopft mit Kartoffelchips und Bierchen vor dem Glotzofon sind die Gelenke bereits Arthrose-mässig verbogen und auf 5° Winkelbewegung limitiert.

Die beiden kommen im Watschelgang auf mich zu und ich sehe wie seine Augen schmal werden. Kann seine Gedanken aus seinem Gesicht und Blick ablesen: “Der (=ich) hat eine Kameratasche über der Schulter. Was hat der da in der Hand? Was ist das bloss? Der hat doch für so eine kleine Digitale nicht so eine grosse Tasche?!”

Ich wechsle zur anderen Mauerseite um eine direkte Konfrontation mit anschliessendem Längenvergleich zu vermeiden, obwohl meine beiden Kameras noch in der Tasche sind. Gehe ein Stück weiter über den Damm um die beste Position für den Turm der Wasserentnahme zu finden. Messe wieder und bemerke, wie mir in ca. 10 Metern Abstand jemand so unauffällig wie ein thailändisches Tuc-Tuc mit Dragster-Motor folgt und mich beobachtet. Höre wie sie zu ihm ruft: “Härbährrt (der richtige Name ist dem Verfasser bekannt), wo willst Du hin?!” Die Stimme hat die Autorität der Handtasche. Ich hatte Recht: Teutonen! Sehe im Augenwinkel wie er mit der rechten Hand nach unten wedelt um ihr zu verstehen zu geben dass er jetzt auf der Pirsch ist: Sein ultimativer Event und Einsatz ist gekommen!

Härbährrt kann ich ja verstehen, wirklich. Da hält jemand mit altmodischen Fototasche immer so einen merkwürdigen Apparillo in die Luft als wollte er Luftproben nehmen. Dann dreht er dran rum und sieht da auch noch quer durch, blickt anschliessend auf das Display. Hält die Hand darüber. Das muss etwas sehr geheimnisvolles sein. Ein Kamera-Erlkönig vielleicht? Aber hey, das Display ist ja grün und an der Seite angebracht? Das ist zu viel für Härbährrt. Er bleibt in konstant bleibendem Abstand an mir dran wie eine Klette weil er so eine dumpfe Ahnung hat dass ich Ahnung haben könnte. AHNUNG. KÖNNTE ! HABEN ! Oh mann, wenn er das in der heimischen ‘foto community’ erzählt…

Ich habe mittlerweile meinen Punkt gefunden, hole die 6×9 Fuji aus der Tasche, ziehe die Gegenlichtblende aus, nehme den Objektivschutz ab, stelle Blende und Zeit ein, fokussiere, und löse aus. Ja klar, ich weiss, das Prozedere klingt für die jüngere Generation so wie der berühmte Titel von – ich glaube – Horst Koch: “Sie macht das Handtäschchen auf holt das Geldtäschchen raus macht das Handtäschchen zu macht das Geldtäschchen auf holt den Fahrschein heraus macht das…” Aber wie gesagt, ich hatte ausgelöst. Blende 8.5 und 1/125 bei einem 65er brauchen nicht unbedingt ein Stativ.

Pfhlong. Nein, Pfhlong ist kein kleiner Japaner der aus der Kamera bellt. Es ist auch nicht der Verschluss – der ist geräuschlos. Bei den neueren Fujis ist es der Mechanismus des Bildzählwerks, der das autoritative PFHLONG verursacht. Pfhlong! Nicht irgendein Pfhlong, sondern ein einschüchterndes Pfhlong. Nichts Gutes für die Ohren eines Härbährrt, der seine Super-SONICANON im Urlaub Gassi führt.

Mein Werk an dieser Stelle ist getan. Ich packe den Ziegelstein von Kamera wieder in die Tasche, den Belichtungsmesser – der für Härbährrt immer noch ein ausserirdischer Apparillo ist – ebenfalls und drehe mich um. Und sehe Härbährrt keine fünf Meter von mir entfernt zu einer Salzsäule erstarrt stehen.

Total verändert. Augen weit aufgerissen. Rechte Hand am Monster-Dödel. Er sieht aus als hätte er soeben eine ganz geheime Geheimdienst-Aktion verfolgen dürfen. DAS ist das Abenteuer auf das er gewartet hat. Ha! denkt er sich, wenn ‘der’ das macht, kann ich das viel besser. Zieht das Kanonenrohr genüsslich langsam vor sein Gesicht und zielt in die gleiche Richtung wie ich kurz zuvor. Dann fährt das Rohr aus. Mann-O-Mann, das hört ja gar nicht auf! Ssssssssssshhhhhhhhssssssssshhhhhht.

Ehrlich, mit so einem Rohr von Optik muss der ja die Kerzenflamme auf dem Frühstückstisch des 80 Kilometer entfernten Radio-Teleskops der Sierra Nevada bildfüllend im Sucher haben!!! Die Spannung steigt. Härbährrt atmet ruhig und gleichmässig. Ein, aus, ein, aus, ein, aus. Den linken Ellenbogen auf seinen omnipräsenten Oberbauch gestützt hält die linke Hand das Kanonenrohr. Auf, ab, auf, ab, auf, ab. Übt der da jetzt ‘Mitziehen für Bungee-Springer’ oder was soll das werden? Sein SONICANON-Modell muss ja eine absolut phänomenale Bildstabi eingebaut haben um die Schunkelei zu kompensieren. Aber gut, ich habe mal gelesen dass die heutige Elektronik wahre Wunder vollbringen kann. KANN. Es heisst immer dass ein Stabi ‘zwei Blenden’ ausgleichen kann. Was immer das heissen mag, für Härbährrt ist das irrelevant, denn ihm fehlen mindestens zwei Fachbegriffe im Wortschatz: Stativ und Blende. Von dem Verhältnis Brennweite zu Verschlusszeit hat er bestenfalls nur im Vorbeigehen gehört.

Sirr. Sirr. Sirr. Scheint das Rohr zu sein bei dem Versuch, die Kerzenflamme im Frühstücksraum des Radio-Teleskops in der Sierra Nevada scharf zu stellen.

“HÄRBÄHRRT! Wo bleibst Du denn? Wir wollten doch über die Mauer gehen! HÄRBÄÄHRT!”

Er zuckt. Das Rohr fährt ein. Härbährrt hat grade einen fotografischen Koitus Interruptus erfahren. Er dreht sich um. “Bin doch gleich soweit!” brüllt er nach hinten. Rohr wieder raus. Sirr. Sirr. Sirr.

Bligg. BliggBliggBliggBligg.

Er hat es geschafft! Härbährrt hat ES getan. Das Rohr fährt wieder ein, er nimmt die DehEsElÄrr langsam runter, legt sie auf seinem Oberbauch ab und sieht auf das Display. Kneift die Augen zusammen (ja, ja, im Alter ohne Brille ist schon Käse, und dann noch das grelle Licht in diesem verfluchten Spanien, da sieht man ja nix mehr auf dem Mäusekino!). Dreht an Rädchen, drückt auf Knöpfchen. Sieht immer noch auf das Display und bewegt den leicht rötlich gefärbten Kopf hin und her weil das verdammte Ding so sehr spiegelt.

Einen Moment später erst entspannt Härbährrt etwas und setzt sich langsam in Bewegung. Dreht sich noch einmal kurz um nachzusehen, was ich jetzt mache. Ich bin schon wieder Richtung Parkplatz und habe eine andere Bar entdeckt, die grade geöffnet wurde. Sehe ihn im Augenwinkel: Härbährrt ist unentschlossen. Soll er mir oder seiner Frau folgen? Er entscheidet sich – trotz der diktatorischen Handtasche seiner Frau – für mich <seufz>. Seine Frau winkt verzweifelt mit eben dieser gepanzerten Eindruck-Schinde-Maschine und brüllt: “Ich gehe dann schon mal vor!” Er wedelt wieder mit der rechten Hand nach unten und denkt sich: Das ist meine Chance. Der Typ kennt die besten Plätze hier in der Ecke, da hänge ich mich dran!

Aber hier irrt Härbährrt gewaltig, denn ich war noch nie im Radio-Teleskop auf der Sierra Nevada, wirklich nicht. Ich kenne nur die Gegend vor meinen Füssen weil da mehr ist als der Blick durch ein Hyperzoom.

Ich gehe etwas schneller, biege um eine Ecke, verschwinde in der Bar und gleich hinten raus auf die Terrasse am See, bestelle beim Vorbeigehen an der Theke einen Café con leche y un bocadillo grande con jamon iberico, queso y tomate – afuera. (Kaffee mit Milch und ein mit Schinken, Käse und Tomaten belegtes Baguette – auf der Terrasse). Ich liebe die Transparenz dieser Bars, durch die man hindurchsehen kann als ob sie nur eine Röhre in der Pampa wären.

Der Café wird grade auf den Tisch gestellt da taucht Härbährrt auf, Hand am Kanonenrohr um das unsägliche Pendeln des Dödels zu bremsen. Ich muss sagen, für die Figur ist er recht flott. Nun, kein Wunder bei den HighSpeed-Outdoor-Sandalen mit grauen Kühlmatten um die Waden.

Er bremst abrupt. Das Profil seiner Outdoor-Sandalen krallt sich gnadenlos in die Bodenfliesen. Er erkennt die peinliche Situation, dreht sich schnell um und lässt seinen Schweif über den Stausee blicken – äh, Pardon – seinen Blick über den Stausee schweifen als wäre er – natürlich – rein zufällig hier. Geht an die Theke, zieht die Menu-Karte – die er eh nicht lesen kann – aus dem Ständer, schaut noch einen der üblichen daneben liegenden Flyer über wüst zusammengeschusterte Immobilien für Nordeuropäer an und verschwindet heimlich, still und leise auf den perfekt gepolsterten Outdoor-Sandalen mit Super-Grip, wobei sein Elektronik-Spielzeug wie in einer unruhigen Sänfte von recht nach links und zurück geschleudert wird.

Ich grinse mir einen und geniesse die Sonne. Ach wie herrlich ist es doch, dass ich einen Beruf habe, in dem das gnadenlose Beobachten der Umwelt und Mitmenschen in Fleisch und Blut übergegangen ist!

Ob Härbährrt jetzt ein schlechtes Gewissen seiner Frau gegenüber hat? Ich glaube er hat mehr Respekt vor der autoritären Befehls-Handtasche. Sicher ist er inzwischen total ausser Atem bei ihr angekommen, kurz vor dem Herzkasper, angespornt von dem Gehorsam vor der gepanzerten Tasche. Nochmal Glück gehabt, seine Anti-Kasper-Kapseln braucht er diesmal nicht. Die liegen im Hotel. Oder im Auto. Jedenfalls garantiert dort, wo sie jetzt besser **nicht** sein sollten, denn so ein Abenteuer verursacht wirklich enormen Stress, und hier gibt es weit und breit keine Ambulanz.

Als ich eine halbe Stunde später losfahre sehe ich Härbährrt neben der strengen Handtasche seiner besseren Hälfte auf dem Staudamm mit seiner DehEsElÄrr werkeln. Sein Kanonenrohr pumpt auf und ab als ob es von Asthma geschüttelt wird, sauber auf dem Oberbauch abgestützt.

Aber da ist weit und breit kein Bungee-Springer… immer noch nicht.

- photograph © 1999-2010 by jens g.r. benthien -

- text © 1999-2010 by jens g.r. benthien -

Erstveröffentlichung am 30.03.2010 bei gamborang