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Schöne Zeiten

2012/08/05

Gestern Nachmittag bin ich ins Grübeln gekommen. Ich hatte vom Dachboden einen alten Studioblock-Rahmen geholt, der dort mehr als 20 Jahre ‘mit dem Gesicht nach unten’ gelegen hatte, weil ich ein Foto rahmen und aufhängen wollte.

Ich nahm den Rahmen hoch, drehte ihn um, und dann kam der Zeitsprung: Ein (für mich) wunderschönes Foto offenbarte sich. Ein starkes Foto aus einer Zeit lange vor der Photoshop-Ära oder den digitalen Kameras.

Ich hatte es damals mit einer Nikon (Modell erinnere ich nicht mehr) und irgendeinem Nikon-Objektiv (erinnere ich auch nicht mehr) auf irgendeinem Negativ-Film aufgenommen (wie ich mich kenne, ein 100 ASA, wahrscheinlich Kodak oder Agfa).

Also Kleinbild. Damals bekam man noch kleine 10×15 Abzüge geliefert, wenn man den Film in der Drogerie seines Vertrauens entwickeln liess. Aufgrund dieses kleinen Abzugs muss ich dann entschieden haben, davon ein Poster im Format 70×50 cm drucken zu lassen, das ich mit einem schwarzen Passepartout (damals Mode) in dem 80×60 cm Rahmen aufgehängt hatte.

Die Wirkung des Fotos ist heute noch voller Magie für mich.

Dann kam mir der Gedanke: Oh mein Gott, was hat sich bis Heute geändert!

Vor 20 Jahren

Vor 20 Jahren haben wir mit unseren Kameras Fotos gemacht und uns darüber gefreut, Dokumentationen erstellt, Werbefotos geschossen, und waren glücklich. Was war das für ein erhebendes Gefühl, den Karton einer neuen Kamera zu öffnen, die Batterie einzulegen, die Haptik zu geniessen, ein Objektiv dranzusetzen, einen Film einzulegen und ‘draussen’ ein paar Fotos zu machen. War der Film voll, brachte man ihn ins Labor ‘um die Ecke’ und bekam ihn ein paar Stunden (oder 2 Tage später) entwickelt zurück. Professionell wurde dann das beste Foto ausgewählt und ging in die Litho, hobbymässig kämmte man die Mini-Abzüge durch und wählte ein paar Fotos für grössere Abzüge oder ab und an eins für ein Poster aus. Das wurde gerahmt und man freute sich darüber! Oder man machte Dias und tauchte in eine andere Welt ein.

Heute

Heute macht man mit seinen Kameras Tests. Man ist schon vor dem Kauf unglücklich, verbringt Stunden, Tage, Wochen mit dem Lesen von Vorab-Testberichten, Testberichten, ‘User’-Erfahrungen. Dann geht man nicht zum Händler vor Ort (die meisten sind unverfrorener Weise weggestorben), sondern bestellt ‘Online’, schön anonym. 2 Tage später – per Express auch schon am nächsten Morgen – hält die Box in der Hand. Ist absolut cool und – unglücklich. Kein erhebendes Gefühl mehr, sondern nackte Angst in den Augen und Panik im Kopf: Hat sie einen fehlerhaften Pixel? Hat sie einen Fehlfokus? Ist das AF-Modul richtig justiert? Kann sie mit einer digitalen Mittel-Format mithalten? Wie scharf sind die Fotos bei 300% auf dem Monitor? Wo war nochmal die letzte ‘Bug Liste’ im Forum? Himmel, die 20 Seiten hatte man sich doch extra ausgedruckt! Wo ist denn die verfluchte Telefonnummer vom Technischen Support, falls das Ding jetzt einen Bug hat?

Als Nächstes legt man Batterien ein und macht – nein, keine normalen Fotos, sondern Testbilder, um die einwandfreie Funktion unsere Knipsgerätes zu testen. TESTBILDER ! Wo ist der Staub auf dem Sensor, wo ist der Fokusfehler im linken Bildbereich? Die ersten Fotos macht man – im Gegensatz zu früher – nicht draussen, sondern drinnen, von einer Test-Tafel oder einem Siemens-Stern, um wirklich ganz sicher zu gehen, dass man kein Montagsmodell untergeschoben bekommen hat. Man ist auch nicht Stolz auf die neue Kamera, Stolz hat man nicht mehr. Heute ‘ist man WER’, wenn man mit dem Modell ‘DX900e’ oder ’1DS Mk IV’ (klingt für mich wie früher die Werbung für Vogelfutter mit ‘Jod-S-11-Körnchen’, weil den dummen Werbern nichts Besseres einfiel!) auf der Strasse gesehen wird. Trendgerechtes Motto: Fette Vollformat gibt Status und ‘Gesicht’. Macht einen zum ‘Profi’ (was immer das sein mag).

Irgendwann werden dann mal ‘echte’ Bilder mit dem sauteuren Ding gemacht. Natürlich im obergeilen Roh-Format, man will ja alles rausholen für das Geld. Dann ab an den Rechner, neue Updates gekauft und installiert (die alte Version kann die Rohdaten nicht mehr konvertieren) und festgestellt, dass morgen ein neuer Rechner her muss, weil der ‘alte’ aufgrund der grösseren Datenmengen zu langsam geworden ist.

Dann werden – für ein Foto – ca. 30 Minuten lang Regler gedreht und verschoben, Ebenen angelegt, Bereiche aufgehellt, abgedunkelt, ein neuer Himmel eingezogen, die Ebenen miteinander verrechnet, das grosse Bild dann auf Zigarettenschachtelgrösse mit Artefakten verkleinert und schnellstmöglich im Forum gezeigt. Nach dem Upload liest man zufällig den neuesten Beitrag: Datenverlust wegen schwächelnder Speicherkarten. Oh Gott, nein, hat meine das auch? Also wieder Testen, und – oh böse Welt – die eigene Speicherkarte hat den gleichen Defekt. NEIN! Das ist nicht die Speicherkarte, das ist doch die Firmware! Ich verliere meine Bilder! ANGST. PANIK. FRUST. VERZWEIFLUNG. Sofort ein neues Thema im Forum aufmachen! Mail an den Hersteller! Freunde in Facebook vor dem neuen Modell warnen! Die geile, virtuelle Welt aufmischen!

Und überhaupt: der Konverter Rappapappapui ist ja tausendmal besser, weil er ein menschliches Haar in einer Grösse von einem Nano-Millimeter oder ¼ Pixel noch viel besser herausarbeitet als der Standardkonverter der ‘Industriestandard-Software’. Muss man doch sofort Testen, denn die Angst lässt einen nicht los, dass man aus der vielen versenkten Kohle nicht doch noch viel mehr rausholen könnte. KÖNNTE! Ach ja, wäre da nicht noch – richtig! – das leidige Nachschärfen. Das können nur Könner, die finden da Tricks um aus ⅛ Pixel noch das Optimum herauszuquetschen, ohne das Bokeh zu erschlagen. Und das Alles nur, um fast beinahe gar nicht auf gleicher Augenhöhe zu sein wie eine Quasselblatt mit 40 megamässigen Pickeln.

Bis dann das erste reale Bild das Licht der Welt erblickt, können schon mal 6 Monate ins Land gehen, denn schliesslich sind 800 Seiten Handbuch nicht mal eben nebenbei durchgelesen. Und immer wieder der Diabolo im Hinterkopf: Ach, das brauche ich doch nicht, nächstes Kapitel. Oder, nein, halt mal, da hat doch neulich jemand im Forum geschrieben, wofür die Funktion wichtig ist! Wo war die nochmal? Nach 20 Minuten Hangeln durch das Menü hat man sie gefunden, die Funktion, und stellt fest, dass sie doch nicht so richtig der Brüller ist, den man sich erhofft hat.

Oder es erblickt überhaupt kein reales Bild das Licht der Welt, weil man zu sehr damit beschäftigt ist, die 300%-Ansichten zu vergleichen und nach Fehlern zu suchen.

Da piept der Rechner – eine Mail ist angekommen über ein neues Thema im Forum. Die alten Objektive reichen für die neue Kamera nicht mehr aus! ANGST. PANIK. FRUST. Sofort lesen. Oh Mann, tatsächlich, schon 32 Antworten, dass die Beugungsunschärfe schon bei grossen Blenden-Öffnungen gnadenlos zuschlägt. Auch das noch!

Was schreibt der da? Das Nachfolgemodell mit vielen verbesserten Funktionen und nochmals 12 Megapixel mehr soll schon in 2 Monaten auf der Photokina vorgestellt werden? Digi-Rumours hat schon den ersten Vorab-Test veröffentlicht. Oh Gott, nein, die muss ich haben, die ist ja viel besser als meine…

Somit bleibt man in der ewigen Schleife von Tests, Bugs, Angst, Panik, Frust, Unzufriedenheit, Neid, Statusverlust, etc.

OK, ich will ja nicht verschweigen, dass es in der realen Welt viele Enthusiasten gibt, die einfach gute Fotos machen. Sie alle müssen jedoch ebenfalls ihren Rechner einschalten, teure Software und Updates kaufen, damit überhaupt ein paar Fotos wie Fotos aussehen.

Tja, früher hat die Fotografie wirklich mehr Spass gemacht… Ich bin froh, dass ich heute noch meine Präzisionskameras und Filme habe, denn ich fotografiere lieber als dass ich mich durch endlose Menus quäle.

2 comments

  1. Sehr gut geschrieben! Es stimmt alles! Aber, der Don Quichote kämpft da vergeblich gegen die Windmühlen!


  2. Der Text geht einem zu Herzen, er macht mir erst wieder bewußt was wir schon fast aufgegeben haben!



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